WVIB HV 2016 033 web

Lesen Sie hier die Eröffnungsrede von wvib-Präsident Klaus Endress vom 18. November 2016 im Konzerthaus Freiburg im vollen Wortlaut.

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

"Sehr geehrte Damen und Herren!

Herzlich willkommen beim wvib! Wir haben dieses Jahr mit insgesamt nahezu 650 Personen fast eine Rekordbeteiligung! Viele nehmen sich einen ganzen Tag Zeit für die Schwarzwald AG. Das freut uns immer ganz besonders. Natürlich haben wir auch immer ein tolles Programm!

Ohne Sie – unsere Sponsoren, Unterstützer unseres Netzwerks - wäre unsere HV um einiges ärmer! Die Schwarzwald AG kann ihre Aufgaben nicht immer alleine lösen. Wir brauchen Freunde, Förderer, Experten, Multiplikatoren, Gönner in unserer Werte-Gemeinschaft.

Begrüßen Sie mit mir auch Daniela Mast, vom Deutschland Stipendium der Uni Freiburg. Würden Sie sich bitte einmal erheben? Dann wissen alle, mit wem sie ins Gespräch kommen können… in dieser Angelegenheit.

Das Deutschland-Stipendium ist ein Sprungbrett für junge akademische Leistungsträger. Für mittelständische Arbeitgeber ist es eine Chance, mit übersichtlichem Budget in die Themen Employer Branding und Rekrutierung von Hochschulabsolventen einzusteigen. Es lohnt sich auch für Sie! Frau Mast hält sich für Fragen und spontane Großzügigkeit bereit!

Wurzeln, Werte, Weltwirtschaft

Meine Damen und Herren, „Wurzeln, Werte, Weltwirtschaft“ – so lautet unser Motto im Jubiläumsjahr. 70 Jahre sind wir alt! Und ich muss schon sagen, wenn ich hier rumschaue, wir sehen verdammt gut aus… 70 Jahre würde uns keiner geben…! Woher kommen wir, was treibt uns an, wohin wollen wir in Zukunft?

Der wvib ist ein Kind der Nachkriegszeit. Eine unternehmerische Selbsthilfe-Organisation, die aus wenig viel machen musste, die aus Solidarität und Engagement, Werte schuf und Werte exportierte. Materielle und immaterielle. Unsere Schwarzwald AG ist ein Teil der erfolgreichen Nachkriegsgeschichte, des Wirtschaftswunders.

Der wvib ist ein sympathischer Teil der politischen Befreiung und Befriedung Europas. Als Reinacher – das ist in der Schweiz - der lange in Maulburg, und das ist in Deutschland, gearbeitet hat, darf ich sagen:Der Prozess der europäischen Einigung ist für uns im Dreiländereck nie Theorie, sondern tägliche Erfahrung!

Unsere wvib-Wurzeln liegen im Schwarzwald, im Hegau, auf der Baar, dem Heuberg, dem Breisgau, der Ortenau, dem Kraichgau, im Pfinzgau und im Linzgau.

Wir kommen aus dem Herzen Europas und sind mittlerweile auf der ganzen Welt zuhause. Grenzen mögen wir im Grunde überhaupt nicht! Es gibt nur eine Sorte von Grenze, die wir niemals überwinden wollen: Das sind die Grenzen von Gesetz, Anstand und Respekt vor dem anderen!

Schon sind wir bei unseren Werten: Unsere Werte, das sind Leistungs- und Veränderungswille, der Drang, unternehmerisch etwas zu schaffen und zu erschaffen. Wir sind Freunde der Gedanken Walter-Euckens, seiner ausgewogenen Ordnungspolitik, der „Freiburger Schule“. Wir glauben an die Kraft der Freiheit, an Toleranz, an wahrgenommene Verantwortung des einzelnen, an subsidiäre Solidarität, an starke Regeln für alle. Es sollen wenige und gute Regeln sein. Wir sind der Überzeugung, dass Menschen und Unternehmen am besten gedeihen, wenn man langfristig denkt, in Generationen und nicht in Quartalen.

Wenn alle dies über einen längeren Zeitraum tun, dann wird man international erfolgreich – als Mensch, als Unternehmen, als Gesellschaft, als Nation, als Europa.

Walter Rathenau – Unternehmer und Politiker - sagte vor 100 Jahren: Die Wirtschaft ist unser Schicksal.

Bei den Amerikanern – die kommen gleich noch ausführlicher dran – heißt es: It´s the economy, stupid!

Heute muss es heißen: Die Weltwirtschaft ist unser Schicksal. Das Zusammenwachsen der Märkte und Kontinente hat uns in den letzten zweihundert Jahren viel Wohlstand und Frieden gebracht, ja, auch internationalen Zusammenhalt. Alle hängen von allen ab. Ausgeglichene Handelsbeziehungen sind besser als das atomare Gleichgewicht des Schreckens aus dem Kalten Krieg. Handel bringt Wandel und Annäherung. Wirtschaftliche und politische Integration bedingen sich gegenseitig. Das ist fast schon trivial! Wer kann dagegen sein?

Vielleicht dachten Sie – wie auch ich – dass alle Menschen auf der Welt, den Gedanken zustimmen können, die ich Ihnen eben in geraffter Form vorgetragen habe. Ohne zu pathetisch zu werden:

Es sind dies die Gedanken des Humanismus und der Aufklärung. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Demokratie. Marktwirtschaft. Offene Grenzen. Toleranz. Das sind zutiefst menschliche Forderungen, die wir in Deutschland und in der Schwarzwald AG ziemlich weit verwirklicht haben. Es sind dies auch die Quellen unseres Wohlstands, unseres Sozialstaats, unserer bürgerlichen Mittelstandsgesellschaft.

Die Welt ist seit einiger Zeit in Unordnung. Diese Unordnung kommt – das sagt jetzt jeder - von Populisten, den Menschen, die den Populisten nachlaufen und den gesellschaftlichen Entwicklungen, die Populismus möglich machen.  Auf unserer wvib-Postkarte steht: „Europas schönster Industriepark.“ Sie sehen es hier hinter mir. Das sieht aus wie ein Idyll, das ist auch in vieler Hinsicht ein Idyll. Aber die geistigen Grundlagen dieses Idylls sind an vielen Stellen in Gefahr!

Übertreibe ich? Schauen wir uns mal zusammen etwas um:

Trump – das wissen Sie alle – zeigte sich im Wahlkampf als:

Es gab kaum ein Tabu der westlichen Wertegemeinschaft, das er nicht lachend brach. Es gab kein noch so niedriges Niveau, was er nicht eloquent unterbieten konnte. Fakten interessierten ihn nicht, er bog, er log sich seine Welt zurecht. Wie konnte dieser Mann Präsident werden?
Weil die Amerikaner so ungebildet sind?

Zu einer stabileren Lage für Europa – wirtschaftlich wie politisch - werden die zarten Bande zwischen Trump, Putin und Erdogan zunächst nicht führen.

Meine Damen und Herren,
Populismus hat nun wirklich nichts mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in der Welt zu tun.

Nichts mit Humanismus, nichts mit Aufklärung, nichts mit den Werten der Schwarzwald AG, nichts mit uns hier im Saal.

2016 war schlimm. Was bringt 2017, das Jahr der Bundestagswahl! Hat die Dummheit gerade weltweit Konjunktur?

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würden die globalen Flüchtlingswanderungen diese Stimmung auslösen. Der Kampf der Kulturen, Islam gegen Abendland? Oder die diffuse Globalisierung ganz allgemein? Oder der damit verbundene Strukturwandel? Die Energiewende? Die ewige Bankenkrise? Die nimmermüde Gier der Broker? Jobkiller Digitalisierung? Industrie 4.0? Die Angst vor Robotern? Der demographische Wandel? Die Klimakatastrophe? Die neu aufgelegten Untergangsszenarien des Club of Rome?

Schöner als jetzt war es zwar nie in Deutschland, im vollbeschäftigten blühenden Dreiländereck,
aber natürlich können wir uns mit medialer Verstärkung und germanischem November-Trübsal mühelos in eine Massenhysterie hineinsteigern.

Was stinkt den Menschen eigentlich auf einmal? Warum fallen mehrheitlich normale Bürger auf eine eher gerissene als begabte Populisten-Truppe rein, die die Welt in Gut und Böse unterteilt, in Opfer und Schuldige?

Die Stimmung am Stammtisch: Endlich sorgt einer für Klarheit und Ordnung und faselt nicht mehr um die Tabus der political correctness herum. Endlich spricht einer mal aus, was die schweigende Mehrheit des Volkes schon lange denkt, aber was sich die angepasste Politikerkaste schon lange nicht mehr zu sagen traut. Nationalstaat stärken, Mauern bauen, Menschen abschieben, Todesstrafe einführen! Der Stammtisch fühlt sich ernstgenommen, auch wenn jeder spürt, dass Stammtisch-Parolen noch keine Lösungen bieten!

Das ist natürlich schon peinlich für die gewählten Volksvertreter, die ja die Aufgabe haben, das Volk zu repräsentieren und im Namen des Volkes zu agieren. Sie bemühen sich ja in jedem Grußwort, in jeder Ansprache darum, noch die letzte Minderheit nicht zu vergessen. Sie bringen Förderprogramme und Subventionen für alle Bevölkerungs- und Randgruppen mit, sind höflich und rüpeln eben nicht. Und dann kommen die Rüpel und erreichen gute Wahlergebnisse!

Das ist auch peinlich für unsere westlichen Gesellschaften, die nach der französischen Revolution und nach dem Zweiten Weltkrieg ihr – unser - Gesellschaftsmodell für unwiderstehlich gehalten haben.

Auch unter American way of life stellte man sich bis zum 9.11. Freiheit, Lässigkeit, Offenheit und Souveränität vor, nicht das Pflegen von Ressentiments von echten und eingebildeten Globalisierungsverlierern.

Wie kann ein Land, das aus Einwanderern entstanden ist, gegen Einwanderung sein? Was läuft schief? Was kann man tun?

Naja, Populisten haben einfache Lösungen, ich allerdings nicht! Ich habe nur ein paar Thesen und Ideen!

Wählt doch nicht nur diejenigen, die Euch den Himmel auf Erden versprechen und dann entweder populistische Spaltung oder neue Formulare bringen.

Denkt doch mal darüber nach, was unsere Vorväter unter Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit verstehen wollten und was wir im Brüsseler Labyrinth daraus gemacht haben. Max Weber hat vor über 100 Jahren prophezeit, dass wir alle den Kältetod der Bürokratie sterben werden. Manchmal friert es mich schon!

Noch ein Beispiel:

Es ging – man darf daran erinnern - den Vätern der römischen Verträge um die berühmten vier Freiheiten: einen freien Warenverkehr, die Freizügigkeit der Personen, den freien grenzüberschreitenden Austausch von Dienstleistungen und den freien Verkehr von Kapital.

Grundlage dieser Freiheiten war die gegenseitige Anerkennung der jeweiligen nationalen Standards und eine fortschreitende Harmonisierung derselben. Ein grenzenloses Europa ist eine phantastische Vision, die wir am Oberrhein immer gerne beschwören und fröhlich feiern!

Unsere vier Freiheiten sind allerdings noch lange nicht erreicht. Sie rücken sogar manchmal wieder ein Stück weiter weg. Ein Servicetechniker eines Maschinenbauers aus Offenburg darf seit kurzem aufgrund der französischen Variante des Entsendegesetzes nicht mehr nach Straßburg zur Reparatur fahren, ohne vor der Abfahrt französisch-sprachige Formulare auszufüllen und einen französischen Ansprechpartner zu benennen. Angeblich geht es um den Kampf gegen Lohndumping und Schwarzarbeit! Zwar sind die Franzosen beim Thema Einreise-Bürokratie naturellement um Längen phantasievoller als wir, doch ist es, wenn ein Franzose nach Deutschland fährt, auch noch kleinkariert genug. Und auch wir Schweizer können sowas ganz gut! Ich will meine eidgenössischen Hände nicht in Unschuld waschen. Aber wir sind ja auch nicht in der EU mit ihren Freiheiten.
Wer Formularausfüllen nicht mag, kann einen z.B. französischen Dienstleister damit beauftragen. Kostensatz: 300 Euro Fall-Pauschale zzgl. 150 Euro Stundenlohn. Es ist ein langes Formular! Die Botschaft: Jeder Europäer behandelt den anderen als Lohndrücker. Wo bleiben Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit?

Diesmal sind es die elektronischen Zollschranken, die runtergelassen werden! Das ist der gleiche Populismus, das gleiche Feindbilddenken, die gleichen Mauern zwischen Menschen und Märkten, nur etwas bürokratischer und digitaler.

Wir müssen Europa besser erklären. Wir müssen hier im Dreiländereck, in Europa und auf der ganzen Welt besser erklären, warum offene Grenzen und Märkte besser sind als geschlossene. Warum internationale Standards wie TTIP immer ein Kompromiss sein müssen, den wir trotzdem brauchen! Warum Eigeninitiative besser ist als Warten auf populistische Erlöser, die vom Ausgrenzen leben! Warum Toleranz besser ist als pauschaler Fremdenhass! Warum jeder Mensch Respekt verdient!

Warum sich jeder Mensch durch sein Handeln und durch seine Haltung auch Respekt verdienen muss!

Ich sage es noch einmal: Grenzen mögen wir nicht! Es gibt nur eine Sorte von Grenze, die wir niemals überwinden wollen: Das sind die Grenzen von Gesetz, Anstand und Respekt!

Die Forderungen der Aufklärung sind auch bei uns noch lange nicht erfüllt.

Es hat mich gefreut, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel Donald Trump zu seinem Wahlsieg gratuliert. Demokratisch getroffene Entscheidungen sind zu achten. Aber mir hat gefallen, dass Frau Merkel Haltung und Erwartung damit verbunden hat. Sie hat gesagt – ich zitiere:

'Deutschland und die USA sind durch gemeinsame Werte verbunden. Demokratie, Freiheit, den Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung. Auf der Basis dieser Werte biete ich dem künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump, eine enge Zusammenarbeit an.'

Genau so ist es.

Es ist irritierend, dass man dem zukünftigen Amtsinhaber den Inhalt der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung zum Amtsantritt vorlesen muss.

Dass Frau Merkel das tut, ist ein starkes Zeichen der Emanzipation vom großen Bruder. Wir sollten uns als westliche Gesellschaft in der Politik mehr mit diesen universalen, unveräußerlichen Werten befassen. Das ist unser Erbe, nicht Populismus. Eine offene Gesellschaft hat Feinde, so hat es der Philosoph Karl Popper 1945 – kurz vor der Verbandsgründung - beschrieben. Ich kürze seine These populärwissenschaftlich ab:

Popper behauptet, dass sich unsere Zivilisation noch immer nicht von ihrem Geburtstrauma erholt hat – gemeint ist der Übergang von der Stammesgesellschaft mit ihrem magischen Denken zu einer Gesellschaft, die die kritischen Fähigkeiten des Menschen freisetzt. Noch kürzer: Viele Menschen wollen noch lieber einen Häuptling, statt selber zu denken. Diese Menschen gehen Populisten auf den Leim.

Eine offene Gesellschaft hat auch Freunde. Das müssen wir als Unternehmer sein. In Europa, im Dreiländereck, in der Schwarzwald AG, hier im Saal. Wir müssen Offenheit ermöglichen, Wandel erklären, Mut machen, Schwache mitnehmen, Haltung und Anstand zeigen, Humor haben. Europa ist unter Druck wie nie zuvor. Vielleicht bringt der äußere Druck eine Rückbesinnung auf die europäische Idee, wie sie ursprünglich war! In den 50er Jahren hat das Monster Stalin Europa geeint. Vielleicht ist es gut, darüber zu diskutieren, was uns als Gesellschaft wirklich zusammenhält.

Wir müssen uns artikulieren, eintreten für diese Werte, für sie werben und kämpfen. Unternehmer können das – und sie sollten das auch mehr tun. In der Familie, im persönlichen Umfeld, im Unternehmen, im Ehrenamt, in der Öffentlichkeit und in der Politik! Es geht eben nicht allein um Umsätze, egal mit wem, es geht um eine offene Welt für uns und unsere Kinder! Und für die Kinder unserer Nachbarn auch!

Wir haben immer nicht nur Waren, sondern auch immaterielle Werte exportiert. Werte sind unsere Wurzeln, Werte haben uns nach vorne gebracht. Werte zählen auch in einer Weltwirtschaft.

Bleiben wir selber sauber, werden wir vielleicht noch ein bisschen sauberer – das ist nicht das Gleiche wie politisch korrekt - und führen wir durch Vorbild, in Politik und Wirtschaft, dann werden wir die gegenwärtige Populisten-Seuche auch wieder los!

Vielen Dank!" 

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Kategorie: Jahreshauptversammlung

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